Unter dem Begriff "Umweltgerechtigkeit" werden in Deutschland die Zusammenhänge zwischen Umweltbelastungen, gesundheitlichen Auswirkungen und sozialen Faktoren betrachtet. Untersuchungen zeigen, dass gesundheitliche Belastungen als Folge von Umwelteinflüssen in der Bevölkerung ungleich verteilt sind. Der soziale Status entscheidet in Deutschland mit darüber, ob und in welchem Umfang Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch Umweltschadstoffe belastet sind. Sozioökonomische Faktoren wie Bildung und Einkommen, aber auch andere Faktoren wie ein Migrationshintergrund beeinflussen die Wohnbedingungen, Lebensstile und die damit verbundenen Gesundheitsrisiken der Menschen. Sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen sind von Umweltproblemen vielfach stärker betroffen und verfügen oft nicht über die notwendigen Voraussetzungen wie Einkommen, Vermögen und Bildung, um solche Belastungen zu vermeiden. Bereits im Jahr 1975 zeigte eine empirische Studie von Jarre, dass ärmere Menschen im Ruhrgebiet häufiger an stark befahrenen Durchgangsstraßen leben als sozial besser Gestellte. Von bestimmten Schadstoffen sind jedoch sozial besser Gestellte stärker belastet. Das belegen beispielsweise die Daten der Umwelt-Surveys des Umweltbundesamtes (UBA).
Die Mehrzahl der Studien, die in diesem Forschungsfeld vorliegen, sind Nachauswertungen (Sekundäranalysen) umweltepidemiologischer Studien. Untersuchungen, die sich primär mit der sozialen Verteilung von Umweltbelastungen befassen, sind in Deutschland derzeit noch selten. Im Einzelnen lassen sich folgende empirische Befunde zur sozialen Verteilung von Umweltbelastungen und deren gesundheitlichen Folgen belegen:
Die subjektive Einschätzung sowie die tatsächliche Belastung durch Straßenverkehr und verkehrsbedingte Luftschadstoffe sind in Deutschland bei Menschen mit niedrigem sozialem Status höher. Studien zeigen beispielsweise:
Die subjektive Belästigung durch Lärm allgemein und durch Straßenverkehrslärm im Wohnumfeld ist in Deutschland bei Menschen mit niedrigem sozialem Status höher. Studien zeigen beispielsweise:
Die Passivrauchbelastung – eine bedeutende Belastung der Innenraumluft – ist in Deutschland bei Menschen mit niedrigem sozialem Status höher. Dies zeigt unter anderem der für Deutschland repräsentative Kinder-Umwelt-Survey (KUS) des Umweltbundesamtes (UBA). Untersuchungsergebnisse zu weiteren Innenraumbelastungen geben dagegen ein uneinheitliches Bild ab:
Bei der korporalen Belastung durch Umweltschadstoffe in Abhängigkeit vom sozialen Status lässt sich ein heterogenes Bild erkennen. Dies zeigen die für Deutschland repräsentativen Daten des Kinder-Umwelt-Surveys (KUS) des UBA:
Bei der Betroffenheit von umweltassoziierten Erkrankungen in Abhängigkeit vom sozialen Status zeigt sich ein differenziertes Bild:
Die Verbesserung der Datenbasis über die soziale Verteilung von Umweltbelastungen und deren gesundheitlichen Auswirkungen ist eine wichtige Aufgabe für die Zukunft. Hierbei kommt der Verknüpfung von Umwelt-, Gesundheits- und Sozialberichterstattung eine besondere Bedeutung zu. Aussagekräftige Daten bilden die Grundlage, auf der sich umweltpolitische, verkehrsplanerische und verbraucherbezogene Maßnahmen gezielter entwickeln und umsetzen lassen. Informationen und die Aufklärung über umweltbedingte Gesundheitsrisiken für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen müssen auf niedrigschwellige Informationsangebote mit direktem Lebensweltbezug ausgerichtet sein. Die Erweiterung des klassischen Spektrums von Gesundheitsförderung um die Handlungsfelder Stadtplanung, Verkehr und Umweltschutz ist weiterhin ein wichtiges Ziel. Ressortübergreifende Strategien und Maßnahmen sind notwendig, um den Anspruch eines jeden Menschen auf eine gesunde Umwelt durchsetzen zu können.